Bauherrenpreis 2007: Gedanken von Thomas Gerlach


Thomas Gerlach, © Klaus Bergner, 2004 (mit freundlicher Genehmigung)Zur Förderung von Architektur und Baukultur verleiht die Große Kreisstadt Radebeul gemeinsam mit dem Verein für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e.V. zum elften Mal den Bauherrenpreis.

Ausführungen, in den neuen Jahrgang einzuführen, ohne freilich allzu ausführlich werden zu können - dies ist auch 2007 ein Geschäft, das nicht ganz einfach ist für den, der Routine nicht zur Gewohnheit werden lassen will.

In diesem Jahre nun könnte mein Vortrag auf eine soziologische Dissertation hinauslaufen. Baugeschehen ist nämlich nicht nur eine Frage des Rechts und des Geldes oder der Verknüpfung von beidem, Baugeschehen hat vor allem eine soziologische Komponente. Auf immer wieder neue Weise ist die Jury darauf gestoßen worden, daß das Baugeschehen als äußerer Ausdruck des inneren Zustandes einer Gesellschaft immer auch Rückschlüsse auf das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft zuläßt.

Baurecht ist wie jedes andere Recht auch, eine Frage des Ausgleichs. Eine rechtskonforme Auslegung etwa des Begriffes des Einfügens kann im unglücklichsten Falle städtebauliche Mißstände zum Maßstab erheben. Leider müssen wir feststellen, daß es immer wieder solche Unglücksfälle gibt. Noch während wir hier in schöner Regelmäßigkeit Bauherrenpreise verteilten, wurde unter unser aller Augen nicht nur jene zugegebener Maßen verwilderte Brache an der Meißner Straße in Radebeul-West zur Katastrophe entwickelt - und niemand hatte den Mut oder die Kraft, den Ausgleich zugunsten des Stadtbildes zu fordern oder gar duchzusetzen. Wo war er hier, der Wille zur Förderung der Baukultur, der ja doch mit dem Bauherrenpreis so hochgehalten werden soll?

Mit dieser Frage stoßen wir an die Grenzen administrativer Machtfülle ebenso wie an die des bürgerschaftlichen Engagements. Hier sind nämlich im Wortsinn Befindlichkeiten betroffen. Es gibt die Beobachtung - und hier könnte die erwähnte Dissertation ansetzen - daß die Gesellschaft von einem großen Unbehagen beherrscht wird, dem Unbehagen an und in der Gegenwart.

Wir alle haben den Hang zum Hergebrachten. Wer aber meint, darin liege eine Garantie für den ferneren Bestand des überlieferten Stadtbildes, irrt. Wohl gibt es sie - wir werden heute eindrucksvolle Beispiele vorführen können - wohl gibt es Menschen, die mit Akribie und vieler Müh und noch mehr Liebe jene Wurzelpflege betreiben, welche Menschen und Landschaft und Stadtgefüge harmonisiert.

Im Durchschnitt aber ist das Festhalten am Gewesenen doch nur der Ausdruck einer undifferenzierten Gegenwartsflucht. Wie anders ist es zu verstehen, wenn heute die Häuser mit der Rückseite zur Straße gebaut werden? Historische Bauordnungen hatten das Gegenteil vorgeschrieben; Schilling und Gräbner hatten zu ihrer Zeit mit künstlerischen Mitteln hart argumentieren müssen, als sie eins ihrer Häuser mit der Schmalseite zur Straße stellen wollten. Wir heute wollen die Welt, die ja stinkig ist und laut, wir wollen sie draußen haben. Diese Tendenz ist auch dort nicht zu übersehen, wo großzügige Fensterfronten Offenheit suggerieren sollen.

Seit Jahren schon - speziell seit ich mich mit dem und für den Verein um das Radebeuler Stadtbild bemühe - suche ich nach einer Antwort auf die Frage, wie denn ein Haus aussehen müßte, welches der Landschaft angemessen und gleichzeitig zeitgemäß ist.

Das Baugeschehen gibt darauf kaum Antworten. Hauptsächlich meine ich, zwei Tendenzen ausmachen zu können:

Die eine zitiert aus dem ausgehenden 19., die andere aus dem beginnenden 20. Jahrhundert. Interessanter Weise entsteht so der Eindruck, als konkurriere Klassik mit der Moderne. Der Bauhaus-Stil, der dem Betrachter als hypermodern erscheinen will, ist vor immerhin auch schon rund 70 Jahren verboten worden. Damit ist auch er in die Reihe der "historischen" Vorbilder aufgerückt und so gesehen eben auch nicht mehr ganz neu.

Übrigens wurde Bauhaus von Leuten verboten, die - und das macht die Angelegenheit durchaus brisant - überwiegend in der bürgerlichen Mittelschicht verankert, sich in so hohem Maße in ihrer Gegenwart unwohl fühlten, daß sie alsbald alles kurz und klein schlagen mußten.

Und grad unter diesem Gesichtspunkt wär's wichtig, dem Problem des Unwohlseins im Heute, das sich ja nicht nur an dem an sich so unverfänglichen Thema Bauherrenpreis andeutungsweise zeigt, ernsthaft nachzugehen.

Da wir nun aber mit dem Bauherrenpreis allein die Probleme der Menschen in der und mit der Gegenwart nicht lösen können, stellt sich die folgenschwere Frage: Brauchen wir überhaupt fernerhin den Bauherrenpreis?

Die Antwort lautet: Ja, um der Bauherren willen brauchen wir ihn. Ich bin mir sicher, daß wir dies gleich im Anschluß eindrucksvoll unter Beweis stellen können: Öffentliche Anerkennung für persönliches Bemühen - Vielleicht kann das ja doch eines Tages dazu führen, das allgemeine Unwohlsein innerhalb der Gesellschaft wenigstens beim Anblick eines preisgekrönten Hauses punktuell zu mildern.

Mit diesem Bekenntnis darf ich schließen: Allen Widrigkeiten zum Trotze brauchen wir den Bauherrenpreis - und gält's nur, uns selbst und unser Verhältnis zur Gesellschaft immer mal wieder in Frage zu stellen.

Thomas Gerlach


 
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