Gedanken zum Bauherrenpreis 2004

Seßhaftigkeit und Mobilität


Am 30. Juli hatte der "verein" unter der Überschrift "gut bestellt - die Lößnitz im Wandel" zu einem Gesprächsabend in die Hoflößnitz eingeladen. Programmgemäß stand die "Erhaltung der Kulturlandschaft" im Mittelpunkt der Überlegungen, die an anderer Stelle zusammengefaßt werden sollen. Hier sei lediglich einer der dort geäußerten Gedanken herausgegriffen und betrachtet: Zum Erhalt der für das Lößnitz-Bild unverzichtbaren Weinberg-Steillagen, so hieß es, brauche es kontinuierliche Pflege. Und diese, so hieß es weiter, erfordere vor allen Dingen "Seßhaftigkeit".
Der Gedanke verblüfft, und er verdient es, vertieft zu werden.
Dem Konsumenten alltäglicher Verlautbarungen drängt sich nämlich nur gar zu leicht der Eindruck auf, "Kulturlandschaft" sei etwas ganz und gar Zweckgebundenes. Aufrechterhalten von einer Hand voll Enthusiasten und ein paar mäßig motivierten ABM-Brigaden, diente sie einzig dem Zwecke, Touristen anzulocken und zum Bleiben zu verleiten. Die Menschen, die hier leben, haben selbst ganz andere Sorgen.

Wo ein solcher Eindruck sich verhärtet, ist die Entfremdung schon sehr weit fortgeschritten. Da wundert es nicht, wenn die Forderung nach "Seßhaftigkeit" erstauntes Aufmerken hervorgerufen hatte.

Aus eigener Betroffenheit heraus hatte der Sprecher bewußt oder unbewußt an einen hundert Jahre alten Heimatschutz-Gedanken angeknüpft: Kulturlandschaft, so wußte man damals, entsteht, wo Menschen die Möglichkeit haben, ein Heimatgefühl zu entwickeln. Und Heimat ist mehr als Bleiberecht und Arbeitsplatz; aber zum Lebensmittelpunkt gehören die Lebensmittel und die Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu bestreiten, unverzichtbar dazu. Wer einer Arbeitsmöglichkeit durch halb oder ganz Europa nachreisen muß, erweitert vielleicht seinen Horizont, verliert aber auf Dauer jegliche Bindung. Wer verächtlich gemacht wird, weil er "zu bequem" sei, einer Arbeit wegen hunderte von Kilometern zu fahren - auch er wird keinen Weinberg mehr pflegen. Und wer gar - von Leuten, die ihn gar nicht kennen - vorgerechnet bekommt, welche Wohnraumgröße ihm "zustehe", wird im eigenen Dorfe entwurzelt und in die innere Emigration getrieben. Wenn er dann zur Flasche greift, greift er jedenfalls nicht zur Weinflasche.

Im April und im Juni dieses Jahres hatte Liselotte Schließer in Vorschau und Rückblick über "die Anfänge des Heimatschutzes" berichtet. Wäre es ihr vergönnt gewesen, diese Reihe fortzuführen, hätten wir von ihr erfahren können, daß und wie der "Landesverein Sächsischer Heimatschutz" und seine Vorgänger gerade um die Verwurzelung der Menschen in ihrer Heimat sich mühten. "Unser Volk muß wissen und fühlen," schrieb man 1926 in den "Mitteilungen", "welche Fülle von wirklichen Naturschönheiten, von unersetzlichen Gemütswerten unsere Heimat birgt, weil nur dieses Gefühl uns fest an die Scholle binden kann, uns, die wir leider in so vielen Dingen schon allzusehr entwurzelt sind." (Man stoße sich nicht an dem etwas antiquiert klingenden Begriffe "an die Scholle binden" - der Satzzusammenhang ergibt eindeutig, was man damit meinte.) Damit geriet der Heimatschutz zu keinem Zeitpunkt zum Selbstzweck. Dies wird spätestens klar wenn man liest, daß und wie bedeutende Architekten qualitätvolle Entwürfe zum sozialen Wohnungsbau vorstellten und teilweise auch realisierten. Einfach geschnittene Wohnungen, die den Traditionen entsprachen, sollten auch den ärmeren Bevölkerungsgruppen ein menschenwürdiges Wohnen und Leben und damit ein positives Heimatgefühl ermöglichen. Aus dem Heimatschutzgedanken erwachsene Denkmalpflege geriet gerade nicht zum "Kostenfaktor". Sie galt damals bereits auch in einfachen Verhältnissen als Ausdruck gediegener Lebensqualität.

Thomas Gerlach, © Klaus Bergner, 2004 (mit freundlicher Genehmigung)Noch bis Ende September läuft die Ausschreibungsfrist für den Radebeuler Bauherrenpreis 2004. Abermals werden aufwendig sanierte Villen neben einfachen Bauernhäusern stehen. Abermals wird die Jury zu bedenken haben, daß eine lebensvolle Kulturlandschaft vor allem der Begeisterungsfähigkeit und der Liebe seßhafter Bewohner bedarf. Wo diese spürbar werden: Liebe und Begeisterungsfähigkeit, und die werden spürbar, wo man auch Mühsal nicht scheut, dort wird auch der Fremde, der zufällige Reisende, sich wohl fühlen und zum Bleiben eingeladen.



Thomas Gerlach

 
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