Laudation für Prof. Magirius (von Thomas Gerlach)


Thomas Gerlach, © Klaus Bergner, 2004 (mit freundlicher Genehmigung)Der Hoffnung ein Maß

Prof. Dr. Heinrich Magirius zum 75. Geburtstag
 


Gerhart Hauptmanns Erzählung Hochzeit auf Buchenhorst von 1927 fußt auf Ereignissen aus den Jahren nach 1881. Des Dichters Begeisterung, sein Entzücken über die altertümliche, von der Albrechtsburg gekrönte Stadt Meißen konnte und durfte sich also noch nicht an der beeindruckenden Silhouette der gotischen Türme des Domes entzünden. Wohl boten sie zum Zeitpunkt der Niederschrift den uns bis heute vertrauten Anblick, doch hatte das auch ohne sie prachtvolle Bauwerk erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihnen seine Vollendung erfahren.

Das Wort Vollendung erweist sich hier nun als Bezeichnung für einen höchst flüchtigen Moment. Stets bedrängt vom faustischen Verweiledoch ist auch ihm ein Dauern nicht vergönnt: Über mannigfache Brüche von zuweilen unvorstellbarer Brutalität aber auch über stilles Vergehn verlangt die Zeit nach immerwährender Erneuerung. Und in den Augen der Zeitgenossen wie in der Hauptmannschen Erzählung bedarf der ferne Moment eines über ihn selbst hinaus weisenden Gedankens, um über die Zeit am Leben erhalten zu werden. Zwischen Bewahrung und Erneuerung, zwischen Loslassen und Festhalten wird so die Denkmalpflege zum Hochseilakt.

Geprägt von einem Umbruch hierzulande immer noch und immer wieder unvorstellbaren Ausmaßes hat Heinrich Magirius den existentiell erfahrenen Drang, Überkommenes aus den Trümmern zu retten und zu bewahren, zum Beruf gemacht. Dem studierten Kunsthistoriker ist es in einem langen Berufsleben gelungen, an der Seite begeisterter Mitarbeiter die sächsische Denkmalpflege auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Während seiner Tätigkeit am heutigen Landesamt für Denkmalpflege und dessen Vorgängereinrichtungen hat er unablässig auch um die Schaffung und folgerichtige Anwendung gültiger Maßstäbe gerungen. Oft genug ist ihm deren Fehlen gerade in Bezug auf die sich über die Zeit wandelnden Aufgabenfelder nur allzu deutlich vor Augen geführt geworden. So bargen etwa der Wiederaufbau der Semperoper oder der Frauenkirche völlig anders geartete Aufgabenfelder, als sie vor den Vollendern des Meißner Domes gestanden hatten. Sahen sich letztere in der Pflicht, eine mehrhundertjährige Bauaufgabe endlich zu beenden, galt es in ersteren Fällen, schmerzende Verluste auszugleichen, ohne den Anschein zu erwecken, Geschehenes ungeschehen machen zu wollen oder gar zu können. Letztlich aber braucht nicht nur jede denkmalpflegerische Einzelaufgabe ihren eigenen Maßstab - das Bauen insgesamt und überhaupt hat einem menschlichen Maße sich zu beugen. In seiner Habilitationsschrift Geschichte der Denkmalpflege in Sachsen hat Heinrich Magirius eindrucksvoll nachgewiesen, auf welch unterschiedliche Weise die großen Geister jeder Epoche die ihren gefunden haben. Schon wo der Einzelne seine Existenz und seine Zukunft von seiner Herkunft aus begründet, ist er der Tradition verpflichtet. Hier wird Denkmalpflege zur Selbstverständlichkeit. Gleich nach 1990 war ich naiv genug zu glauben, daß es möglich wäre, ein geistiges Klima zu schaffen, in welchem diese Selbstverständlichkeit alltäglich wird.

Der Jubilar hingegen hat gearbeitet. Und es ist ihm gelungen, den Maßstab zu finden und zu benennen, der das Bild unserer auf so ungewöhnliche Weise gewordenen Stadt Radebeul nachhaltig prägte: Nachdem sich der Kurfürst in der Hoflößnitz nur als "Weinbauer" dargestellt hatte, war es lange Zeit auch für andere Bauherren nicht möglich, sich über dessen Zurückhaltung in der äußeren Gestaltung zu erheben. Der Kurfürst hatte nach seiner Beobachtung, die Magirius in dem von ihm herausgegebenen Jubiläumsband 600 Jahre Hoflößnitz im Zusammenhang mit dem vorstehenden Zitat zum Ausdruck brachte, seinen Hang zur Bescheidenheit an dieser Stelle aus der genauen Kenntnis der in der Lößnitz seinerzeit üblichen ländlichen Bauweise gewonnen. Es bleibe dahingestellt, ob der Kurfürst damals aus einer Laune heraus oder aus tieferer Einsicht handelte - für das Bild der Stadt finden wir Dank der akribischen wissenschaftlichen Arbeit des Denkmalpflegers Heinrich Magirius einen entscheidenden Moment in der Gestaltung der Kulturlandschaft gefaßt, der fernerer Bewahrung bedarf, soll diese auch weiterhin in Würde bestehen. Generationen haben ihm - bewußt oder unbewußt - Rechnung getragen; an uns ist es, diese Tradition nicht abreißen zu lassen. Gottseidank haben, so können wir aus dieser Sicht in Hauptmanns Stoßseufzer immer noch einstimmen, all die ... Jahre einer zyklopischen Raserei im Niederreißen und Aufbauen solche Denkmäler einer guten alten Zeit (noch) nicht auszurotten vermocht ...

Im Namen des Vereins für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e. V. gratuliere ich Herrn Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Heinrich Magirius zu seinem 75. Geburtstag am 1. Februar und widme ihm unser aller Hoffnung, daß gegenwärtige und künftige Bauherren in unserer Stadt wieder zu jener adligen und adelnden Zurückhaltung finden mögen, die es ermöglicht, Tradition und Moderne in Würde zu vereinen. Die Vollender des Meißner Domes haben uns gezeigt, wie es gemacht wird.

Thomas Gerlach                      (pdf-Version zum Ausdrucken)


 
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